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von
Alexander
Auer
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Lilli

Ich liege auf meinem Bett und starre die Decke an. Lilli liegt neben mir, die Augen geschlossen, dem Gesichtsausdruck nach mit der Welt vollkommen zufrieden.
Sie schläft nicht, das weiß ich, denn bei ungewohnten Geräuschen öffnet sie kurz die Augen, nur um sie gleich wieder zu schließen.
Ich ziehe an meiner Zigarette an und schicke Rauchringe in Richtung Lampe.
"Und was meinst Du?" frage ich, ohne sie dabei anzusehen. Nicht, daß ich mir auf die Frage eine Antwort erwartet hätte, es kommt auch keine.
"Ich weiß nicht, ob ich es nicht wieder einmal wagen sollte. Vielleicht bin ich langsam wieder so weit?"
Sie dreht mir Ihren Kopf zu und schaut mich leise an.
Ich spüre Ihren Blick auf mir ruhen, drehe mich aber nicht um. Ich kann mir Ihr Gesicht auch so gut vorstellen. Die spitze Nase, die forschenden, neugierigen Augen, die so voll Leben sind. Die wunderschönen Ohren. Der Mund, um den fast immer ein Lächeln zu schweben scheint. Leicht spöttisch scheint es manchmal, als wüsste Sie ganz genau, wie überlegen Sie mir im Grunde ist.
"Immerhin sind es schon fast 2 Jahre mittlerweile."
Keine Reaktion.
"Manchmal denk ich mir, ich könnte es wieder probieren. Aber dann frag ich mich 'Wozu?'"
Lilli gähnt ungeniert. Sie macht keinen Hehl daraus, daß Ihr das, was ich sage, vollkommen egal ist.
Seit fast zwei Jahren wohnen wir jetzt gemeinsam in dieser Wohnung. Anfangs war Sie misstrauisch, wollte mich nicht an Sie herankommen lassen. Erst langsam, ganz langsam sind wir uns näher gekommen. Ein Schritt nach dem anderen.
Mit der Zeit wurde aus Zuneigung Liebe. Eine Liebe, wie ich sie noch selten in meinem Leben gefühlt habe. So tief und vollkommen. Sie schafft es immer, mich zum Lächeln zu bringen. Muss gar nichts dafür tun, es reicht, daß Sie da ist. Wenn Sie mich ansieht kann ich nicht anders, als sie in die Arme zu nehmen und fest an mich zu drücken.
Rauch erfüllt das Zimmer und dämpft das Licht. Ein randvoller Aschenbecher spricht eine deutliche Sprache.
"Was hat man zu gewinnen? Gibt man seine Individualität auf, oder geht man im 'Wir' auf? Wozu braucht man eine Beziehung?"
Jetzt drehe ich doch den Kopf und schaue Ihr in die Augen. Sie sieht mich nur an, bewegungslos, aufmerksam, mit diesem spöttischen Lächeln um Ihre Lippen. Gott, was würde ich dafür geben, Ihre Gedanken jetzt lesen zu können.
"Das Singleleben ist doch auch nicht so schlecht, oder?" frage ich sie. "Man hat alle Freiheiten, aber keine Verpflichtungen."
Ich weiß, daß ich versuche mich selbst zu überzeugen und sie weiß es auch. Sie kennt mich so gut wie niemand sonst. Ihr habe ich alles erzählt im Lauf der Jahre. Kein Geheimnis habe ich Ihr verschwiegen.
Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich liebt. Vielleicht, aber sie hat es gar nicht nötig mich zu lieben. Meine Liebe reicht für uns beide. Sie spielt einfach Ihre Spiele und verstellt sich nicht einmal dabei. Wofür auch, sie hat mich vollkommen in der Hand.
Ich strecke eine Hand aus und streichle sanft Ihren Kopf. Sie lässt es geschehen und schließt nach einigen Sekunden die Augen.
Ich beobachte sie eine Weile, wie sie da liegt, ausgestreckt auf meinem Bett. Ein Gesicht ohne Sorgen, versunken in vollkommener Zufriedenheit, ein Leben nur für den Moment ohne sich über das Morgen Gedanken zu machen.
Irgendwie beneide ich sie. Ich versuche von ihr zu lernen, aber ganz schaff ich es nicht.
"Man könnte es ja langsam angehen?" schlage ich vorsichtig vor. "Man kann sich ja auch in Beziehungen seine Freiheiten erhalten? Individuum und Partner, gleichzeitig?"
Ihr rechtes Auge öffnet sich ein wenig, gerade so, daß sie mir einen warnenden Blick zuwerfen kann. Sie ist eifersüchtig. Sehr eifersüchtig. Ich bin ihr Besitz, auch wenn SIE sich von niemandem besitzen lässt. Wenn diese Eifersucht einmal geweckt ist, straft sie mich mit Verachtung und Liebesentzug. Und ich verfalle ihr noch mehr deswegen. Zuckerbrot und Peitsche, sie weiß alles darüber.
"Ich glaub, ich könnte es mir wieder vorstellen." flüstere ich in ihre Richtung.
Ich dämpfe die Zigarette aus und streichle ihr zärtlich über den Bauch, Lilli dreht sich auf den Rücken, streckt mir Ihren Bauch entgegen und lächelt mich spöttisch an.
Sie beginnt zu schnurren.

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