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Aufdringliche Selbstdarstellung seit 1996
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von
Alexander
Auer
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Der Preis ist hoch

Gestern habe ich mich verlaufen, als ich einen Freund besuchen wollte. er hat mir zwar den Weg beschrieben, aber anscheinend bin ich trotzdem gleich am Anfang des beschriebenen Weges falsch abgebogen. Plötzlich fand ich mich in einer Gegend meiner Heimatstadt wieder in der ich noch nie zuvor gewesen war. Verzweifelt hielt ich nach Straßenschildern oder sonstigen Anhaltspunkten Ausschau, um meine Orientierung wiederzufinden. In einem schmalen, trotz des hellen Tageslichtes irgendwie düsterem Gäßchen kam ich an einem kleinen Kellergeschäft vorbei.
Daran wäre im Grunde nichts Ungewöhnliches, aber es war irgendwie kein normales Geschäft. Es hatte kein Schaufenster, keine Leuchtreklame, ja nicht einmal irgendein Schild auf dem der Name des Besitzers oder ein Hinweis auf die zum Verkauf stehenden Güter gewesen wäre. Nur ein kleiner unscheinbarer Zettel hing auf der Milchglasscheibe der Eingangstür: 'Geöffnet'. Mehr war nicht zu lesen, nur 'Geöffnet'.
Wahrscheinlich wäre mir das Geschäft gar nicht aufgefallen, so unscheinbar war es, doch irgend etwas an ihm faszinierte mich so, daß ich einfach nicht vorbeigehen konnte. Also beschloß ich, nachdem ich mich nun wirklich schon total verlaufen hatte, hineinzugehen und nach dem Weg zu fragen. Ich öffnete also die altmodische Türe, die mit einem leichten Quietschen nach innen schwang. Der Geschäftsraum, wenn man ihn so nennen kann, war nur schwach beleuchtet, so daß ich mich erst einige Sekunden an die Dunkelheit gewöhnen mußte. Die einzige Lichtquelle bestand aus einer kleinen Lampe, die auf einem alten Holzschreibtisch mit unglaublich vielen Laden stand. Ein etwas ausgewaschener Teppich bedeckte den Boden, die Wände waren kahl und der Kalk war schon etwas abgebröckelt. Rechts vom Schreibtisch führte ein Perlenvorhang in einen Hinterraum, der aber völlig dunkel schien.
Ich wollte mich gerade wieder zum Gehen wenden und hatte den Türgriff schon in der Hand, als ich eine Stimme von hinter dem Vorhang vernahm: "Kann ich ihnen helfen, junger Mann?"
Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß dieser Raum verlassen wäre und erschrak deshalb so heftig, daß ich fast meine Tasche hätte fallen lassen.
Ein Mann von undefinierbarem Alter schob langsam den Vorhang beiseite und trat in den Geschäftsraum. Er war mindestens einen Kopf kleiner als ich, obwohl ich wohl auch nicht zu den Riesen gehöre. Ein langer weißer Bart verdeckte die Hälfte seines Gesichts und sein schon etwas schütteres Haar ging in Strähnen herab. Doch mit seinen stechenden Augen strahlte er eine Lebendigkeit aus, als hätte er gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert. Aber das faszinierendste an ihm war sein Lächeln. Ich kann es heute unmöglich beschreiben, ich weiß nur noch, daß ich absolut gefangen von ihm war. Es lag Verständnis und Weisheit vieler Jahre in ihm, Trost und Güte.
Ich weiß nicht, wie lange ich so gestanden bin und diesen seltsamen Mann einfach nur beobachtet habe, aber ich schätze es müssen mindestens 30 Sekunden, wenn nicht gar einige Minuten gewesen sein.
Ich schien wie aus einer Trance aufzuwachen und merkte daß er die ganze Zeit über nur dagestanden hatte und mich anlächelte. Kein drängendes "Was ist denn nun?" oder "Haben sie irgendein Problem?", nein, er stand einfach da und sein Lächeln erfüllte den ganzen Raum.
Sobald ich mich ein wenig gefangen hatte, stammelte ich, immer noch verwirrt: "Oh, ja, äh entschuldigen Sie. Also, ja, ich sah das 'Geöffnet' Schild am Eingang und , na ja, also, bin ich hereingekommen."
Er nickte nur leicht mit dem Kopf und sagte: "Das freut mich. Wissen Sie, in letzter Zeit bekomme ich nicht mehr viel Kundschaft. Das liegt an den Zeiten. Meine Ware ist nicht mehr gefragt."
Erst da fiel mir wieder ein, daß ich ja noch gar nicht wußte, was dieser Mann eigentlich feilbot.
"Entschuldigung, vielleicht habe ich ja irgendein Reklameschild übersehen, aber was verkaufen sie eigentlich?", fragte ich ihn.
Sein Lächeln schien eine Spur breiter zu werden: "Sie haben nichts übersehen, junger Mann, da kann ich sie beruhigen. Ihre Augen sind noch relativ gut, glauben Sie mir. Der Grund, warum sie kein Reklameschild, wie sie es nennen und wie man heutzutage wohl sagt, gesehen haben ist einfach. Es gibt nämlich keines. Ich brauche es nicht, die Leute die meine Dienste in Anspruch nehmen finden auch so zu mir. So wie Sie."
"So wie ich?", fragte ich etwas überrascht. "Hm, ich weiß nicht, eigentlich bin ich ja nur zufällig hier hereingestolpert. Wissen Sie", stammelte ich etwas verlegen, als mir der wahre Grund meines Besuchs wieder einfiel "eigentlich wollte ich nur nach dem Weg fragen."
Als hätte er mir gar nicht richtig zugehört, antwortete er: "Natürlich, sie glauben noch an Zufälle. Aber wenn man schon so lange in diesem Geschäft ist wie ich, dann weiß man einige Dinge, die den meistens vorenthalten bleiben."
"In diesem Geschäft? Was ist das für ein Geschäft? Was verkaufen sie denn nun eigentlich?" wollte ich endlich wissen, denn dieser alte Mann machte mich immer neugieriger. Er beugte sich etwas zu mir her, als ob er Angst hätte daß seine Worte von den falschen Ohren gehört werden könnten.
Langsam und jede einzelne Silbe betonend sagte er zu mir: "Ich verkaufe ... die Freiheit."
"Die Freiheit?" Ich glaubte mich verhört zu haben, obwohl das unmöglich war. "Was für eine Freiheit?"
"Deine Freiheit. Jedermanns Freiheit. Alle sind wir gefangen, jeder auf seine Weise. Und wer frei sein will, wirklich frei, der kommt zu mir."
Ich hörte seine Worte, sah sein Lächeln, aber irgendwie konnte ich ihn nicht verstehen. War er verrückt? Wie konnte man die Freiheit verkaufen? Das konnte doch alles nicht war sein.
"Aber, ich ... ich bin doch frei. Niemand hält mich gefangen. Ich werde nicht verfolgt, weder von der Polizei noch von irgendeinem Geheimdienst oder obskurem Killerkommando. Also bin ich frei. Ich kann tun und lassen was ich will."
Ich überlegte ob es überhaupt gut war, mit diesem Mann zu diskutieren. Wenn er wirklich verrückt war, konnte er auch gefährlich werden. Aber andererseits war er mindestens dreimal so alt wie ich. Was für eine Gefahr sollte mir schon von ihm drohen? Er sah mich an, als ob er meine Gedanken erraten würde und wieder nahm mich sein Lächeln gefangen. Ich mußte mich richtig zwingen ihm in die Augen zu sehen, als er anfing zu sprechen, da ich nicht unhöflich wirken wollte.
"Freiheit, junger Mann, ist ein weiter Begriff. Es braucht keine Gitterstäbe und Gefängnisse, um jemanden unfrei werden zu lassen. Ich habe mir ihre Akten angesehen, bevor sie gekommen sind und ..."
"Meine Akten?" fragte ich, jetzt wirklich total verblüfft.
"Ja, ihre Akten" fuhr er fort, als sei das ganz normal "und ich weiß, wo ihr Problem liegt."
Ich konnte ihm nur mehr mit offenem Mund zuhören. Seine Augen nahmen mich gefangen und in meinem Gehirn waren keine Gedanken oder Fragen, sondern nur mehr seine Worte.
"Sie, junger Freund, haben ein sehr diffiziles Problem. Sie sind nämlich ihr eigener Kerkermeister. Aber ich kann sie beruhigen, sie sind mit diesem Problem nicht allein. Die meisten Leute teilen es mit ihnen. Sie lassen sich dadurch ihre Freiheit rauben, daß sie sich selbst von anderen Menschen und Dingen abhängig machen. Da wären z.B. Eltern, Freunde, Kollegen, Arbeitgeber, usw. Jedem fühlen sie sich verpflichtet, glauben Erwartungen erfüllen zu müssen. Sie versuchen es allen recht zu machen, um nur ja gut dazustehen. Lassen sich Rollen aufzwingen, von Geldsorgen gefangennehmen, vom sogenannten 'Alltag', von Tausenden Kleinigkeiten, denen Sie eine Bedeutung zumessen, die schier unglaublich ist. Und der Ausgangs- und Schnittpunkt all dessen sind sie selbst. Sie sind der Gefängniswärter, der den Schlüssel verwaltet, um sich immer und immer wieder selbst einzusperren. Und sie meinen sie sind frei?! Junger Mann, viele Leute gehen ins Gefängnis, der Freiheit wegen. Und trotzdem lassen sich diese Leute weniger einsperren, als Sie es sind."
Ich mußte mich setzen. Es bestand kein Zweifel für mich, daß er recht hatte. Vielleicht hatte ich es lange nicht sehen wollen, aber jetzt stand es klar vor meinen Augen: Ich war ein Gefangener dieser Welt. Meiner eigenen ganz persönlichen Welt, in der manche Dinge sein mußten und andere nicht sein durften, weil sie nicht zu dieser Welt paßten. Ich sah ihn an.
"Was kann ich tun? Was ist der Preis der Freiheit?"
Der Mann richtete sich auf und sah mir ins Gesicht. Sein Lächeln verschwand, er blickte mich ernst an, doch immer noch schien ein Ausdruck von Güte von ihm auszugehen.
"Der Preis ist hoch, junger Freund., darüber müssen sie sich im Klaren sein. Wenig auf dieser Welt ist gratis zu haben. Doch er ist nicht unbezahlbar. Was ich verlange ist ... ihre Angst."
"Meine Angst?"
"Ja, sie haben mich schon richtig verstanden, ihre Angst. Solange sie ihre Angst mit sich herumschleppen, werden sie niemals ihre Freiheit bekommen. Erst wenn sie sich aufrichten und der Welt ins Angesicht blicken, wenn sie sich vor niemandem und nichts mehr fürchten, wenn sie keine Angst mehr haben müssen irgend etwas zu verlieren, erst dann, dann werden sie spüren, was es heißt frei zu sein."
Seine Augen schienen vor Lebendigkeit zu funkeln. Wie unter Hypnose erhob ich mich und wandte mich zur Tür.
"Ich glaube, ich muß jetzt weiter."
Er deutete eine leichte Verbeugung an und lächelte: "Auf Wiedersehen, junger Freund. Es war schön mit ihnen Geschäfte gemacht zu haben."
Als ich auf die Straße trat, tat mir zuerst das Sonnenlicht in den Augen weh. Ich ging die Gasse entlang und grübelte über die Worte dieses seltsamen Mannes.
Als ich aus meinen Gedanken wieder aufschreckte, stand ich direkt vor dem Haus, in dem der Freund wohnt, den ich eigentlich besuchen wollte, und ich hatte keine Ahnung mehr, welchen Weg ich gegangen war, um hierher zu kommen.

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